Dublin – Singen im hagelnden Sturm

Eiskalter Wind, strömender Regen, Winterjacke im Frühling – Schlagworte, die mir der Wind in Dublin ins Gesicht peitscht. Zum Glück hat die Stadt ihre ganz eigene Seele und zeigt, wie man schlechtes Wetter mit guter Laune weglachen kann.


Dublin: Eintrag No. 1: Ein Guiness mit Gitarrenklängen und grauen Haaren, bitte.

Foto: kawe

Foto: kawe

In meine Winterjacke eingewickelt wandele ich durch die Straßen der Hauptstadt Irlands. Es ist April, Frühling, kurz vor Ostern. Der Wind ist eiskalt, ich fühle mich nicht mehr wie in Europa, sondern wie in der Arktis. Wild drehe ich meinen Kopf hin und her, kann meine treue Mitreisende Lorena allerdings nirgendwo erblicken. Gerade hatte ich sie doch noch gesehen. Hat sie der Wind etwa verschluckt?

Da erblicke ich eine kleine Gestalt hinter mir, ihr Gesicht ist komplett von einem riesigen Schal umhüllt. Sie sieht aus wie eine muslimische Frau in Burka. Direkt klopft mein Herz schneller. Über die Gesetze, ob Burkas in Irland denn erlaubt sind, haben wir uns vor der Anreise keine Gedanken gemacht. Nicht, dass wir gleich auf dem Polizeirevier landen. Naja, da wäre es wenigstens warm.

Längst haben wir keine Regenschirme mehr dabei. Wer in Dublin ist, gewöhnt sich schnell an die Eiseskälte und der Regen macht einem auch nichts mehr aus. Schließlich sind wir vielleicht süß – aus Zucker aber gewiss nicht.

Plötzlich spüre ich leichte Schläge auf meinen Kopf prasseln. Erst vereinzelt, dann immer stärker und immer mehr. Wir schauen uns an und beginnen gleichzeitig zu rennen. Es hat angefangen zu hageln. Hier würde selbst der robusteste Regenschirm nicht weiterhelfen. Wir verstecken uns unter der Markise eines Pubs.

Ein älterer Mann folgt uns zu unserem Unterschlupf. Er beginnt in einem merkwürdigen Mix aus British English und Irish zu sprechen – ich verstehe nicht einmal Bahnhof. Deswegen lächele ich höflich und hoffe, dass es gleich aufhört zu hageln und dass er keine Fragen stellt. Zum Zeitvertreib betrachte ich ihn näher.

Er hat graue, etwas längere Haare, ein schmales Gesicht und ein cooles Gesicht. Er sieht einfach vollkommen entspannt aus. Seine Kleidung, die aus den 80ern zu stammen scheint, hängt locker auf seinen schmalen Schultern. Er trägt eine Gitarre auf dem Rücken. Wenn das nicht ein cooler Dubliner ist!

Es hagelt immer stärker, der alte Mann hat plötzlich aufgehört zu reden. Stattdessen summt er und recht schnell erkenne ich die Melodie von White Christmas. Was hat der denn genommen, frage ich mich, als er laut anfängt zu singen:

I’m dreamin‘ of a white…

Christmas?, denke ich.

…Easter!

Just like the ones, I uused to knooow,

may the treetops glisten

and eastereggs listen,

tooo heeear, sleigh bells in the snoow.

Unwillkürlich fangen Lorena und ich an zu grinsen. Der Mann ist kreativ. Der hat Stil.

I’m dreamin‘ of a white… Easter!

Just like the oones, I uused to knooow.

May your days be merry and briiight

and may all your…Easters be whiiite!

…trällere ich mit. Der alte Mann und ich lächeln uns entspannt an, wir schauen dem hagelnden Sturm entgegen und sind einfach nur glücklich. Auch Lorena ist ganz in Trance, der Trübsal des kalten Wetters ist weggeblasen. Wir wiederholen immer wieder die Strophen, die Musik hat die Sprachbarriere zwischen uns aufgehoben. Glücklich und zufrieden singen wir in Dublin, der Hauptstadt der zufriedenen Seele, die jedem Unwetter trotzt.

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