Zeitreise: Frei sein ohne Kummer und Sorgen

Nachdenklich schaue ich auf meine Uhr. Und wünsche mir manchmal, einfach die Zeit zurückzudrehen. Ich schaue mir alte Kinderfotos an, sehe mich lachen. Schaue in den Spiegel. In ein ernstes Gesicht. Mein Gesicht. Und wünsche mir, dieses Glück nochmal zu erleben.


oma072

Modisch erste Klasse und glücklich dazu. Foto: W.

 

 

Kennst du das, wenn du allein in deinem Zimmer sitzt. Du hast den Tag hinter dir, warst in der Uni, hast dich mit deinen Freunden unterhalten, ab und zu gelacht. Alles ganz normal. Und trotzdem bist du nicht hundert Prozent zufrieden. Dein Leben stresst dich, zu viel zu tun. Du bist überfordert mit den kleinsten Sachen. Musst einkaufen gehen. Wäsche waschen. Die Wohnung putzen. Für die Uni lernen.

Oder heute mal ein ruhiger Abend auf der Couch? Ja, doch. Einmal entspannen kannst du dir leisten. Du liegst in deinem Bett, ein Buch in deinen Händen. Die Fernbedienung in Reichweite.

Da schreibt dir eine Freundin, ob ihr heute Abend nicht tanzen gehen wollt.

Du bist hin- und hergerissen. Zwischen einem ruhigen Abend, an dem du einfach mal deine Seele baumeln lässt – und einer spaßigen Nacht, wildem Tanzen und einfach nur frei sein.

Eigentlich hast du keine Lust. Die Jogginghose hast du schon an, ungeschminkt bist du auch. Andererseits könntest du etwas verpassen. Irgendeinen neuen Klatsch und Tratsch, eine Schlägerei, witzige, neue Insider.

Dein Leben besteht nur noch aus Erwartungen und Anstrengungen. Termine über Termine, die du wahrnehmen musst. Nächste Woche eine Hausarbeit abgeben, in einem Monat eine Klausur. Deine Freundin hat Liebeskummer, sie braucht deine Unterstützung. Bei anderen Freunden meldest du dich kaum, da du die ganze Zeit unterwegs bist und beschäftigt. Deine Eltern fragen sich, was du die ganze Zeit treibst. Ob du dein Leben genießt, gleichzeitig aber auch fleißig bist.

Du bist hin- und hergerissen zwischen Stress und Freiheit. Du lebst nur einmal, denkst du dir, und gehst nicht zur Vorlesung und stattdessen auf eine Party am Vorabend. Du studierst nur einmal und machst die Übungen, statt mit deinen Freunden einen Film zu schauen. Die anderen scheinen den Spagat zwischen Arbeit und Spaß gut zu meistern. Nur du kriegst es irgendwie nicht hin.

In dem Bilderrahmen auf deinem Schreibtisch steht ein Kinderfoto von dir. Du lachst herzlich, mit fünf hattest du keine Probleme. Du konntest im Kindergarten malen, Barbie spielen und Prinzessin sein. Du konntest im Kreis hüpfen, ohne darüber nachzudenken. Du konntest jeden alles fragen, ohne dir dabei dumm vorzukommen. Das Wort Stress gehörte nicht in deinen Wortschatz. Und doch wolltest du unbedingt in die Schule. Groß werden. Erwachsen.

Du hattest Träume, die Welt zu verbessern. Oder zumindest glücklich zu sein.

Du sitzt also auf der Couch, weißt nicht, ob du heute entspannen oder mit deiner Freundin ausgehen sollst. Du sehnst dich nach der Zeit zurück, als alles noch viel leichter war. Als du nicht einen Aufsatz über komplexe Theorien schreiben musstest. Als du nicht Ibuprofen schlucken musstest, um die lästigen Rückenschmerzen loszuwerden. Du würdest gerne zurückreisen. In eine Zeit, in der dein größtes Problem ein blutendes Knie war. Oder ein schokoladenverschmierter Mund.

Du weißt, du lebst nur einmal. Du solltest dein Leben genießen. Spaß haben. Deine Freundin fragt dich ein letztes Mal, ob ihr heute Abend etwas unternehmt.

Entspannt liegst du im Bett, es ist zehn Uhr abends. In deine Decke gekuschelt genießt du die Ruhe und schaltest das Licht aus. Du hast dich dazu entschieden, dein Leben zu genießen. Nicht jeden Tag auf Turbo zu sein. Heute mal zu entspannen.

Deine Freundin macht sich fertig für den Club, in High Heels und mit rotem Lippenstift. Während du mit zerzausten Haaren im Bett liegst. Ein Lächeln auf deinen Lippen. Morgen wirst du ausgeschlafen sein, fit und lebendig. Du wirst deine Aufgaben erledigen und zufrieden mit dir sein. Du lebst nur einmal. Feiern gehen kannst du immer, ein ruhiger Abend allein zuhause ist selten. Und auf jeden Fall die Zeit wert. Mit einem Lächeln schläfst du ein und hast für die nächsten zwölf Stunden keinen Kummer und keine Sorgen. So als wärst du wieder fünf.

 

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2 Gedanken zu “Zeitreise: Frei sein ohne Kummer und Sorgen

  1. Richtig gut geschrieben… Leider ist es echt so, dass man viel zu viel Stress hat und jede Auszeit die man sich mal nehmen kann, so so viel wert ist! 😦 Als Kind war alles so viel einfacher…

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