(Erschreckende) Wahrheiten über Mexiko – meine Eindrücke nach drei Monaten

Schießereien, Militäreinsätze in Clubs, Diskriminierung im eigenen Land – drei Monate lebe ich nun schon in Mexiko. Ich wurde erschrocken, betroffen, habe mich gefreut und viele postive Erfahrungen gemacht. Meine Eindrücke und ein paar Zahlen nach meiner Halbzeit hier in Mexiko.

1. Fünf der zehn gefährlichsten Städte der Welt befinden sich laut der mexikanischen Nichtregierungsorganisation „Seguridad, Justicia y Paz“ in Mexiko. Durchschnittlich werden jede Stunde vier Menschen getötet, monatlich über 2.800 (nach offiziellen Zahlen des Exekutivsekretariats des nationalen öffentlichen Sicherheitssystems).

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Absperrung nach der Schießerei auf der Isla Mujeres. Foto: kawe

An meinem ersten Tag in Mexiko habe ich eine Schießerei erlebt. Seitdem bin ich schreckhafter, wenn es knallt, schrecke ich schneller auf als vorher – auch wenn Menschen schnell an mir vorbeirennen, klopft mein Herz schneller. Ich bin mir bewusst, dass ich in einem Land lebe, in dem Menschen auf offener Straße erschossen werden – fühle mich aber dennoch die meiste Zeit über sicher. In der Regel finden die Schießereien nämlich unter den Drogenbanden statt, außerdem sind die Großstädte voller Militärs und Polizisten. Die Mexikaner hier sagen alle, dass die Regierung und die Drogenbanden Pakte geschlossen haben, sodass Zivilisten meistens nichts passiert. Meistens – in Salamanca wurden im März 15 Menschen in einer Bar erschossen.

In der Regel kann man in vielen Orten in Mexiko sicher leben – man muss Augen und Ohren aber immer offen halten und hoffen, nicht zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein.

2. Polizeisirenen hier, eine Schießerei und Militär in Tanzclubs dort- in Monterrey, Mexiko, hört man vieles – lesen kann man davon in den Medien aber leider weniges. Wenn in Deutschland ein großes Polizeiaufgebot in der Stadt zu sehen ist, finde ich in den sozialen Netzwerken oder klassischen Medien häufig Erklärungen dafür – in Mexiko suche ich danach vergeblich. Über viele Dinge wird hier einfach nicht berichtet – eine Folge der Selbstzensur aus Angst? Oder dem Augenschließen vor der Realität?

Viele Mexikaner und auch Internationale mit denen ich darüber spreche, zucken dabei mit den Schultern: „Vielleicht ist es besser, wenn wir nicht alles wissen“, sagen sie. Ich sehe das anders. Wenn etwas in der Stadt passiert, in der ich lebe, möchte ich darüber informiert werden – um mich schützen zu können zum Beispiel. Dass die mangelnde Pressefreiheit das scheinbar unmöglich macht, ist traurig.

3. Frauen in Mexiko sind nicht gleichberechtigt. Etwa sieben Frauen werden laut UN täglich ermordet: Femizide sind in Mexiko Realität. Häusliche Gewalt ist Alltag, viele Frauen sind alleinerziehend, werden früh schwanger, dürfen keine Bildung genießen. Selbst gebildete Frauen sprechen von Problemen bei der Jobsuche, von fehlender Gleichberechtigung im Alltag, von Männern, die nach wie vor denken, sie seien besser als Frauen. Auch ich kenne junge Männer hier, die Mexikanerinnen pauschalisiert als „dumm“ oder „hässlich“ bezeichnen. Das ist selbstverständlich völliger Quatsch – dass Männer hier Frauen aber öffentlich diskriminieren, ist leider pure Realität.

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Frau in Tequila. Foto: kawe

4. Nicht nur Frauen werden diskriminiert, sondern auch generell dunkelhäutige Mexikaner. An meiner Uni hier in Mexiko gibt es ein elektronisches Sicherheitssystem: Möchtest du das Gelände betreten, musst du mit deinem Studentenausweis „einchecken“. In den ersten Wochen hier hat mein Studentenausweis nicht funktioniert, die Sicherheitsleute mussten mich durchlassen. Das war einfach, ich musste nicht mal meinen Namen oder meine Studentennummer nennen – anders ist das bei vielen Mexikanern. Meine Freundin erzählt mir, dass sie immer kontrolliert wird, wenn sie ihre Karte nicht dabei hat – anders als ihre mexikanische Freundin mit hellerer Haut. Ähnliches passiert in Clubs – dunkelhäutige Mexikaner müssen sich viel mehr aufstylen, um in Clubs zu kommen als hellhäutige Mexikaner oder Internationale. Indigene Frauen erzählen außerdem, dass sie Probleme haben, Jobs zu finden – und das auf ihre Hautfarbe zurückzuführen ist. Dunkelhäutige Mexikaner meiden die Sonne, um nicht noch dunkler zu werden. In Mexiko spielt die Hautfarbe eine große Rolle – obwohl wir doch alle gleich sein sollten.

5. Korruption ist Alltag. Freundinnen von mir wohnen in einer gesicherten Wohnanlage. Wenn ich sie besuchen möchte, muss ich meinen Ausweis bei einem Sicherheitsmann abgeben. Wenn viele Freunde gleichzeitig zu Besuch kommen, gibt’s allerdings ein Problem: Die Sicherheitsmänner wollen uns nur unter einer Bedingung durchlassen: Wenn wir ihnen Geld geben. Ganz offen sagen sie, dass sie Hunger haben und noch nichts zu Abend gegessen haben. Für umgerechnet einen Zwanziger dürfen wir passieren, ansonsten müssen wir leider draußen bleiben. Manchmal lassen sie uns doch entgeldfrei rein, sagen aber, dass wir in zwanzig Minuten zahlen müssen – sonst würden sie den Strom in der Wohnung abschalten. Dieses Erlebnis hat mir gezeigt, dass selbst in den kleinsten Einrichtungen in Mexiko Korruption Alltag ist…

6. Mexikaner sind unpünktlich. Jaja, die Deutschen sind immer pünktlich und die Mexikaner nicht – was für ein Klischee. Leider ist das aber bittere Realität. Wenn ich mich hier mit einem Mexikaner für sieben Uhr verabrede, wird er um 7:30 Uhr oder 8 Uhr da sein – ohne Bescheid zu sagen, dass er zu spät ist. Häufig muss ich sogar mehr als eins, zwei Stunden warten – und brodele (manchmal nicht nur) innerlich. In Mexiko läuft die Uhr langsamer, und weil alle Mexikaner wissen, dass die meisten Mexikaner unpünktlich sind, sind alle unpünktlich. Ein nie endender Kreislauf also. Wenn ich mich also für 20 Uhr verabreden will, sage ich lieber gleich 19 Uhr. 19 Uhr deutsche Zeit ist nämlich 20 Uhr mexikanische Zeit. 😉

7. Aber jetzt auch mal ein paar positive Erfahrungen: Mexikaner sind unglaublich offen und hilfsbereit. „Habt ihr schon jemanden, der euch vom Flughafen abholt?“, schreibt ein Freund meiner Freundin und mir, als wir auf Reisen sind und zurück nach Monterrey fliegen. „Soll ich mit dir zum Arzt gehen?“, fragt ein anderer Freund, als ich eine Fußverletzung habe. „Sag Bescheid, wann immer du etwas brauchst, ich bin für dich da“, sagt ein anderer, nachdem wir uns fünf Minuten kennen – und macht bis heute sein Versprechen wahr. Mexikaner sind unglaublich warmherzig, haben mich hier in Mexiko willkommen geheißen, als würden wir uns schon Jahre kennen – und all das ohne Hintergedanken. In Deutschland ist es häufig so, dass Menschen, die nicht deine Freunde sind, dir nur für Gegenleistungen helfen – hier ist das anders. Mexikaner wollen, dass du sie liebst, dass du ihr Land liebst – und tun alles dafür.

8. Mexikaner tanzen erstklassig. Unter Mexikanern Menschen zu finden, die nicht tanzen können, ist nahezu unmöglich. Frauen sowie Männer tanzen hier wie Götter, lassen die Hüften kreisen wie erfahrene Bauchtänzer, bewegen ihre Oberkörper wie Poledancer. Mexikaner haben Rhythmus im Blut – und geben ihn weiter, indem sie dich ermutigen, einfach zu tanzen. Trau dich, tanze stundenlang, ohne darüber nachzudenken, wie du aussiehst – dann sieht es auch (fast 😉 ) gut aus.

 

 

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