Die Angst, etwas Kritisches zu sagen

Wie fange ich an? Mit Menschen, die mir schreiben, ich solle nichts Negatives über Mexiko schreiben? Mit universitären Konferenzen über Politik, die nur an der Oberfläche kratzen? Mit jungen Mexikanern, die mir sagen, sie würden gerne an Demonstrationen teilnehmen, aber Angst vor Konsequenzen haben?

„Denn wenn sie sprechen, könnte ihnen etwas zustoßen“

„Sprich über alles außer über Religion und Politik.“ Diesen Satz hat wohl jeder von uns schon gehört oder selbst gesagt. Zumindest was Politik angeht, schweigen viele, sprechen nur mit ihren engsten Freunden darüber – wenn überhaupt. Diesen Eindruck habe ich hier in Mexiko gewonnen. Viele sprechen nicht laut über Politik, und schon gar nichts Kritisches. Denn wenn sie sprechen, könnte ihnen etwas zustoßen – so wie den 43 protestierenden Studenten im Bundesstaat Guerrero 2014.

Vor einigen Wochen sprach ich mit einer mexikanischen Freundin über Politik. Sie sagte, sie sei müde von der Politik  – müde, denn die junge Generation könne nichts ändern. Sie habe Angst vor Protesten, sie habe Angst, ihre Meinung laut zu sagen, denn dann könne ihr etwas zustoßen.

„Wenn wir nicht über das Negative sprechen, wird sich dann jemals etwas ändern?“

Andere junge Mexikaner erzählen mir, dass sie sich gar nicht mehr über Politik informieren – da sie denken, es werde sich sowieso niemals etwas ändern.

Vor einigen Tagen habe ich in einer Facebook-Gruppe einen Aufruf gestartet: Ich bin auf der Suche nach Mexikanern, die in ihrem eigenen Land wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Dutzende von Studenten haben sich bei mir gemeldet, aber auch jemand, dem mein Aufruf gar nicht gepasst hat. „Warum kommst du in ein Land, nur um über das Negative zu berichten? Bist du nur hier, um das Schlechte zu sehen?“, schreibt die Person. Bezeichnend – es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Kritik an meinen Artikeln über Mexiko lese oder höre. Natürlich hat Mexiko viele schöne Seiten – aber wenn wir nicht über das Negative sprechen, wird sich dann jemals etwas ändern?

„Wir müssen nicht alles wissen“

Ähnliches erlebe ich, wenn Schießereien oder Entführungen in der Stadt passieren. Häufig wird kurz darüber gesprochen: Vermutungen, meistens keine Fakten. Viele Mexikaner sagen „Hey, ist doch gut. Wir müssen nicht alles wissen.“ Aber warum verschließen sie die Augen?

Einige Mexikaner, mit denen ich über Politik spreche, bedauern dieses Augenverschließen. Sie bedauern den Zustand, in dem sich Mexiko seit Jahrzehnten befindet. Sie würden gerne etwas ändern, wissen aber nicht wie. Wie auch, wenn Sprechen mit Angst oder Verdruss verbunden ist?

Der neue Präsident Andrés Manuel López Obrador ist nun seit etwas über 100 Tagen im Amt – er verspricht vieles: gegen Korruption will er ankämpfen, gegen die Ungleichheit im Land, gegen Armut, gegen Kriminalität. Ob er das in sechs Jahren Amtszeit schafft? Viele Experten bezweifeln das. Und auch Mexikaner – wenn auch im Stillen.

Dieser Beitrag ist eine Ansammlung meiner Eindrücke, meine Meinung, die ich mir durch Gespräche und Beobachtungen gebildet habe. Wenn irgendjemand eine andere hat, bin ich offen für Kommentare und Nachrichten. Diskussionen beleben die Gesellschaft, erweitern unseren Horizont. Vielleicht lerne ich etwas dazu oder du – nur durch Gespräche kommen wir weiter.

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