Cat-Calling in Kuba: Ich bin kein Tier

Plötzlich spüre ich etwas an meinem Hintern. Ich drehe mich um, sehe nichts – höre aber ein Kichern. Mein Blick bewegt sich gen Boden, und da erblicke ich den Missetäter: einen kleinen Jungen, vielleicht eins, zwei Jahre alt. Er kann nicht einmal sprechen.

Er hat mir gerade auf den Hintern geklatscht, seine Mama lacht laut – ich auch. Hätten wir ihm lieber direkt gesagt, dass sowas gar nicht geht. Aber er ist ja ein kleiner Junge, denke ich in dem Moment.

Meine ersten Minuten in Havanna, der Hauptstadt Kubas. Dass sie bezeichnend werden für die kommenden zwei Wochen, hätte ich da noch nicht gedacht.

Cat-Calling ist Alltag in Kuba

„Manchmal bin ich abends früher heim, weil ich das Cat-Calling* einfach nicht mehr ausgehalten habe“, erzählt mir eine niederländische Freundin, die einige Wochen zuvor in Kuba gewesen ist. Krass, denke ich – andererseits kann ich mir so eine Intensität gar nicht vorstellen. Was ich dann aber in Kuba erlebe, belehrt mich eines Besseren.

Ob alt, jung, hässlich oder gut aussehend – 90 Prozent der Männer sprechen mich auf den Straßen überall in Kuba an. „Hallo, Schöne“ ist noch harmlos, geht einem aber auch auf die Nerven, wenn man es alle zwei Minuten hört. Kussgeräusche stehen auch auf der Tagesordnung sowie „Willst du mit mir die Nacht verbringen“?-Ausrufe mit anzüglichen Blicken.

„Da platzt mir der Kragen und ich beschimpfe ihn wüst.“

Ich weiß nicht mal, was mich mehr stört: due Ausrufe oder die Blicke, die mich einfach nur anwidern. Der Gipfel ist aber definitiv ein alter Mann, der mir auf Englisch und mit einem kecken Grinsen in der Fratze zuruft: „Kann ich dich fisten? Kommst du her, damit ich dich fisten kann?“ Mitten auf der Straße schreit er das, vor so vielen anderen Leuten – die natürlich nichts sagen. Da platzt mir der Kragen und ich beschimpfe ihn wüst.

Und was bringt das? Gar nichts. Das ist ja das Problem – als Frau weiß ich nie, wie ich auf dieses Cat-Calling reagieren soll – vor allem im Ausland. Ich kenne kubanische Männer ja nicht, weiß nicht, wozu sie imstande sind. Anfangs habe ich auf  „Hallo, Schönheit“ noch ab und zu ein „Danke“ gezischt, wofür ich mich selbst verurteilte. Dann habe ich nur noch böse geschaut, später auch mal den Mittelfinger gezeigt oder geschimpft. Die Männer lachen dann meist, ich bin diejenige, deren Puls auf 180 steigt.

„Wir machen den Frauen doch Komplimente“

Was mich aber am meisten ärgert, ist, dass das Cat-Calling in der kubanischen Kultur verankert ist. Männer, die mit ihren kleinen Kindern unterwegs sind, rufen mir hinterher. Männer, die mit Frauen unterwegs sind, rufen mir hinterher. Und die Frauen hier scheinen das auch in Ordnung zu finden, sie kennen es ja nicht anders.

Als ich zwei junge Kubaner, mit denen ich schon länger im Gespräch bin, darauf anspreche, dass diese Anmachen gar nicht gehen, reagieren sie verständnislos. „Aber manchen Frauen gefällt es doch. Sie lächeln oder antworten freundlich“, sagen sie. Oder: „Hey, das ist so in unserer Kultur. Wir machen den Frauen doch Komplimente.“ Dass sie uns dabei wie Tiere behandeln und meist unanständig und ekelhaft sind, verstehen sie nicht.

„Die Männer müssen sich ändern“

Traurig ist, dass das Cat-Calling den halben Urlaub ruiniert. Wenn ich einen Mann an meiner Seite habe in Kuba, passiert natürlich nichts. Oder einem männlichen Touristen im Allgemeinen. Ich beginne mir manchmal zu wünschen, ein Mann zu sein, um das Ganze nicht zu erleben. Dann besinne ich mich, dass das Quatsch ist. Die Männer müssen sich ändern, nicht wir Frauen zu Männern werden. Aber wie klappt das?

*Als Cat-Calling werden sexuell anzügliche, unangemessene und unhöfliche Kommentare von Männern gegenüber Frauen in der Öffentlichkeit bezeichnet. Meist als Versuch, eine Frau für ein sexuelles Abenteuer zu gewinnen.

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