Getötete Hühner und schnapstrinkende Babys – Kirche in Chamula, Mexiko

Wer allein das Treiben vor der Kirche Iglesia de San Juan Chamula beobachtet, würde nicht darauf kommen, was drinnen vor sich geht. Kinder essen Pommes mit scharfer Salsa. Indigene Frauen laufen in dicken, schwarzen Fellröcken herum. Taxifahrer rufen Touristen hinterher – während in der Kirche Chamulas Hühner getötet werden und Babys Schnaps trinken.

In der katholischen Kirche in dem 3000-Seelen Ort im mexikanischen Bundesstaat Chiapas herrscht stricktes Foto- und Videoverbot. Einheimische gehen ein und aus, die wenigen Touristen, die sich hierher verlieren, müssen eine kleine Gebühr zahlen. Die Kirche ist eine der wenigen Orte Mexikos, in denen religiöse, indigene Traditionen noch vollzogen werden.

Kinder trinken Schnaps, um Gott näher zu sein

Es gibt keine Kirchenbänke, der Boden ist mit tausenden von Kiefernnadeln bedeckt. Rechts und links des Kirchenraums befinden sich Statuen christlicher Heiliger in schrillen, bunten Farben. Künstliches Licht gibt es nicht, das Licht hunderter langer, weißer Kerzen flackert durch den ansonsten dunklen Raum. Eine Einheimischen drapiert gerade neue Kerzen vor sich auf dem Boden: Sie brennt die Enden der Kerzen leicht an und klebt sie mit dem warmen Wachs auf den Boden zwischen die Kiefernnadeln. Überall im Raum verteilt sitzen kleine Gruppen von Einheimischen vor dutzenden von Kerzen, betend.

Dort, wo sonst immer der Altar steht, befindet sich ein Gemälde von Johannes dem Täufer, dem Patron der Kirche. Eine Familie aus mehreren Frauen und Kindern kniet davor. Vor sich haben sie dutzende Kerzen aufgestellt. Die älteste Frau schenkt eine durchsichtige Flüssigkeit aus einer Plastikflasche in ein Schnapsglas – traditioneller Zuckerrohr-Schnaps, Posch. Eine jüngere Frau nimmt das Schnapsglas, schüttet den Alkohol in eine andere Plastikflasche, vermischt ihn mit Sprite und gibt sie einem kleinen Mädchen zu trinken.

Die indigene Bevölkerung Chamulas glaube daran, im alkoholisierten Zustand näher bei Gott zu sein, heißt es. Als die Spanier Mexiko im 16. Jahrhundert besetzten und den katholischen Glauben erzwangen, sollen sie der indigenen Bevölkerung in einigen Teilen erlaubt haben, religiöse Traditionen beizubehalten.

Ein Schluchzen geht durch den Raum

Während die anderen Kinder ebenfalls Posch gemischt mit Sprite oder Cola trinken, nimmt die Familienälteste einen kräftigen Schluck des Schnaps in den Mund. Aus ihrer Tasche holt sie vier, fünf Eier heraus und bespuckt diese mit der Flüssigkeit aus ihrem Mund. Daraufhin zieht die Frau einen jugendlich aussehenden Jungen zu sich heran. Die bespuckten Eier reibt sie über seine Haare und seine Arme und murmelt dabei Gebete in einer indigenen Sprache, vermutlich Tzotzil.

Währenddessen fängt eine junge Frau in der Nähe der Familie an zu schluchzen. Tränen laufen über ihre Wangen, ihre Hände sind gefaltet. Sie betet das Gemälde Johannes‘ des Täufers an.

Das Hühneropfer

Unweit von ihr entfernt tritt ein Pärchen im mittleren Alter an eine der Statuen der Heiligen heran. Etwa zwei Meter davor macht es Halt. Der Mann packt weiße, lange Kerzen aus und platziert sie vor sich auf dem Boden. Beide knien sich hin.

Die Frau trägt ein großes, regungsloses Kind in einem dunklen Tuch auf den Rücken gebunden, es scheint zu schlafen. Das Gesicht der Frau ist wie versteinert, während ihr Mann beginnt zu beten. Neben sich hat die Frau ein Netz abgelegt, in dem sich ab und zu etwas regt: Ein lebendiges Huhn.

Die Frau nimmt das Tier im Netz in die Arme und umgreift es fest. Ein Bein des Kindes auf ihrem Rücken regt sich, es ist aufgewacht. Die Frau packt das Huhn am Genick, dreht es einige Male um, knickt es ab. Das Tier zappelt kurz, gibt aber keinen Laut von sich. Kurz darauf bewegt es sich nicht mehr.

„Sie streicht das tote Huhn über den Körper des Jungen“

Hühner seien die einzigen Tiere, die keine Seele besitzen. Deswegen könne man sie Gott zum Opfer geben, sagen Touristenführer über die Tradition. Das tote Huhn werde häufig über die Körper von Kranken gestreicht, um ihnen Krankheiten auszutreiben.

Dieses Ritual begeht auch die ältere Frau mit den Kindern. Während die anderen noch den Mix aus Schnaps, Cola und Sprite trinken, holt auch sie ein totes Huhn neben sich hervor und streicht es über den Körper des Jungen.

Ps.: Dich interessiert die mexikanische Kultur und du bist Alkohol nicht abgeneigt? Dann lies dir doch meinen Beitrag über echten Tequila durch! 😉

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