Ich weinte, als ich dich sah – der Vulkan de Fuego in Guatemala

Es grummelt, dann höre ich eine kleine Explosion, die getrocknete Lava, auf der ich stehe, bebt ein wenig. Ich blinzele in Richtung des Vulkans de Fuego und sehe, wie Lava aus dem Krater hinausschießt. Rot-orange-gelb schießt sie wie Feuer dutzende Meter in die Höhe. Ich bekomme eine Gänsehaut. Wenige Minuten zuvor habe ich noch geweint. Wenige Minuten später muss ich mich um das Überleben eines Mitwanderers sorgen.

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Foto: kawe

Der Plan: Wir machen’s zusammen. Das Ende: Ich bin auf mich alleine gestellt.

Wochen zuvor fragte mich eine Freundin, ob wir gemeinsam den Vulkan Acatenango in Guatemala besteigen möchten. Von dort aus habe mein einen perfekten Blick auf den aktiven Vulkan de Fuego. Sehr anstrengend sei die Wanderung, meine Freundin wolle wochenlang Sport machen, um sich darauf vorzubereiten.

Knapp 4.000 Meter hoch ist der Vulkan, von dem aus man den Vulkan de Fuego sehen können soll. Extreme Temperaturunterschiede vom Tal mit etwa 25 Grad Celsius, bis zur Spitze mit Minusgraden hatten schon manch einen Wanderer das Leben gekostet. Mit ein bisschen Vorbereitung, zumindest seelischer, und Vernunft, warme Sachen einzupacken, dachte ich: Gemeinsam schaffen wir das locker.

Was ich nicht erwartet hätte: Dass meine Freundin kurz davor aus persönlichen Gründen doch absagte. Da hatte mich aber schon das Adrenalin und die Neugier auf einen sicheren Vulkanausbruch gepackt. Nichts konnte mich mehr zurückhalten.

Die Wanderung war schlimmer, als ich je erwartet hätte

Bevor ich die härteste Wanderung meines Lebens (keine Übertreibung!) auf mich nehmen wollte, informierte ich mich im Internet und las Empfehlungen. Überall hieß es, auf keinen Fall alleine wandern zu gehen. Banditen würden an vielen Ecken lauern, die Höhenkrankheit könnte einen ungeübten Wanderer packen und auch die Temperaturunterschiede dürften nicht unterschätzt werden. Zudem rieten die meisten, eine Nacht auf dem Vulkan Acatenango zu schlafen, um die Schönheit des Ausbruchs des de Fuegos auch nachts sehen zu können.

Ich entschied mich also dafür, eine Tour zu buchen. Knapp 35 Euro für eine Zweitageswanderung mit Guides, Snacks und Übernachtung war wirklich ein Schnäppchen und nicht mal die günstigste Tour.

Was mich dann auf der Wanderung erwartete, war viel schlimmer und härter, als ich jemals erwartet hätte. Zunächst kam am Morgen eine große Welle der Angst auf: Würden wir den Ausbruch des Vulkans überhaupt sehen? Wolken, Regen und Gewitter waren angesagt, die die Sicht auf den Vulkan einschränken oder gar unmöglich machen könnten. Sollten wir alle an unsere körperlichen Grenzen kommen und am Ende vielleicht eine Explosion hören, aber nicht mal die kleinste Rauchwolke geschweige denn funkelnde Lava sehen?

Egal, das Risiko, nichts zu sehen, wollte die gesamte Gruppe von etwa zehn Leuten auf sich nehmen. Optimistisch wie ich bin, dachte ich mir: Gott wird mich schon nicht im Stich lassen, ich werde den Ausbruch sehen. Und ich sollte recht behalten.

Teamwork? Fehlanzeige!

Ausgestattet mit einem Rucksack mit Snacks, mehreren Litern Wasser, einem Schal, Mütze, Handschuhen und einer Winterjacke machten wir uns mit zwei Guides auf den Weg. Beim Start waren es noch um die 25 Grad, wir schwitzten auf dem anstrengenden Weg nach oben. Der Wanderweg war keineswegs hart und gut durchgetreten, stattdessen handelte es sich um weichen Sand, bei dem ich andauernd abrutschte und auf den Hintern und meine Knie flog. Ein hölzerner Wanderstab verschaffte mir ein bisschen Abhilfe, aber schon die ersten zwei Stunden waren die Hölle – auch weil meine abgetragenen Turnschuhe nicht gerade geeignet waren für so eine Wanderung.

Ein weiteres Problem: Alle anderen Wanderer meiner Gruppe schienen geübte Wanderer zu sein. Immer wieder regten sie sich darüber auf, dass ich so langsam war und sie immer wieder auf mich warten mussten. Dass ich einem der genervten Wanderer später praktisch das Leben rettete, konnten sie zu dem Zeitpunkt natürlich nicht wissen.

Zum Glück war einer der guatemalischen Tourguides so lieb, die ganze Zeit mit mir zu laufen und zu sagen „Langsam, aber sicher. Langsam, aber sicher. Stress dich nicht“, und mich anzulächeln. Ohne ihn hätte ich die gesamte Wanderung bestimmt nicht gepackt.

Sprachlos und halbtot – und trotzdem bereit, noch weiter zu wandern

Vier bis sechs Stunden brauchten wir, um zu unserem Nachtlager zu gelangen. Wir kamen noch im Hellen an, es wurde immer kälter, je höher wir kamen. Mit dicker Jacke, Mütze und Schal eingedeckt, konnten wir endlich das Naturwunder, den Vulkan de Fuego, sehen. Alle zehn Minuten etwa brach der Vulkan aus: Er startete mit einem Grummeln, dann hörte ich eine Explosion, eine riesige Wolke stob in die Lüfte und brachte meine Augen zum Glänzen, mein Mund öffnete sich zu einem Staunen. Worte bekam ich nicht heraus, die Schönheit dieses Anblicks machte mich sprachlos.

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Erschöpft, müde und glücklich. Über den Wolken. Auf Wolken.

Doch das war noch nicht der Gipfel der Schönheit. Die Tourguides boten uns an, noch näher an den Vulkan heranzugehen. Maximal drei Stunden sollte es hin- und zurück dauern, und wir könnten den Ausbruch aus nur 100 Meter Entfernung betrachten. Ich war schon ziemlich an meiner körperlichen Grenze angelangt – dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt. Dass es noch viel schlimmer werden würde, hätte ich nicht erwartet. Ich wollte mir aber auf keinen Fall die Chance nehmen lassen, den Vulkan im Dunkeln und von nächster Entfernung aus ausbrechen zu sehen. Also machte ich mich mit einer kleineren Gruppe auf den Weg, ein deutsches Pärchen kam auch mit. Der junge Mann klagte schon jetzt über Kopfschmerzen, vermutlich aufgrund der Höhe. Dass er später kaum mehr laufen würde können, und uns beten würde, ihn im Wald zurückzulassen, hatte er zu diesem Zeitpunkt sicherlich nicht geahnt.

Bittere Erschöpfung und die Liebesgeschichte meines Tourguides

Aus drei Stunden Hin- und Rückweg wurden drei Stunden Hinweg zum de Fuego. Statt Wanderwegen gab es jetzt nur ein verwirrendes Kreuz und Quer durch Wälder, über Stöcke, Bäche und kleinere und riesige Felsen. Ausgestattet mit den wärmsten Klamotten und Kopflampen, bereute ich schon nach wenigen Minuten, den Extraweg auf mich genommen zu haben. Meine Beine taten höllisch weh, ich schwitzte und hatte nicht mehr viel Wasser übrig, vielleicht einen halben Liter. Immer wieder waren die anderen Wanderer genervt von meiner Langsamkeit, ich ärgerte mich gleichzeitig über die fehlende Kollegialität. Hätte ich noch die Kraft gehabt zu schreien, hätte ich geschrien: „Ich würde ja gerne schneller laufen, ich kann aber nicht mehr.“

Zum Glück wanderte auch jetzt mein Lieblingstourguide die ganze Zeit an meiner Seite mit. Unsere Gespräche wurden immer vertrauter, er erzählte mir, dass er verheiratet sei, Kinder habe, aber die Liebe seines Lebens eigentlich eine andere Frau sei als seine Ehefrau. Mit 17 Jahren habe er die Liebe seines Lebens kennengelernt, eine Mexikanerin. Er lächelte, als er von ihr erzählte. Er lächelte, aber es war ein trauriges Lächeln. Sie hätten sich unendlich geliebt, ihre Eltern seien aber gegen die Beziehung und gegen eine Heirat mit einem armen Guatemalesen gewesen. Was könnte er ihr bieten? Das Gehalt eines Tourguides? Er liebte aber seinen Job, hatte auch gar keine Möglichkeiten, einen anderen Beruf auszuüben. Seine Herkunft konnte er natürlich auch nicht ändern. So hatten sie sich trennen müssen, so hatte er die Liebe seines Lebens zurücklassen müssen. Zumindest hatte er eine Liebe beibehalten – die Liebe zur Natur, die Liebe zum Wandern.

Ich war so glücklich, so etwas erleben zu dürfen

Kurz bevor wir den de Fuego erreichten, konnte ich nicht mehr. Meine Beine gaben fast den Geist auf, geschweige denn mein Kopf. Ich war erschöpft, verschwitzt, und hatte Angst davor, meine Wasserreserven auszutrinken. Der Tourguide versuchte mich immer wieder aufzubauen, ich lachte immer wieder, kurz vor dem Wahnsinn, und weinte fast vor Schmerzen. Er sagte immer wieder „Langsam, aber sicher. Langsam, aber sicher“, und wir hatten längst die anderen Wanderer vergessen, die sich dauernd über mich ärgerten. Die letzten Meter waren die härtesten, wir mussten mit Händen und Füßen über Felsen klettern, Schweiß und Stress tropften mir von der Stirn. Nur noch wenige Meter, dachte ich immer wieder, doch der Weg schien endlos. Es wurde immer dunkler, ich hörte immer wieder die Explosionen des Vulkans, sah sie aber nicht.

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Bilder zeigen übrigens nicht ansatzweise die wahre Schönheit des Ganzen. Foto: kawe

Als ich dann endlich weit oben genug war, um den Krater von nahem zu betrachten, schossen mir Tränen in die Augen. Von Nahem war die Schönheit der Natur noch Atem beraubender. Wie auf ein Schnipsen vergaß ich meine Schmerzen, meinen Schweiß, alle Anstrengung und betrachtete nur die riesigen Dampfwolken, die aus dem Krater, nur einige dutzend Meter von mir entfernt, stoben. Um mich herum sah ich weiße Wölkchen, die den Vulkan einrahmten und mir die Welt zu Füßen legten. Wow, konnte ich nur denken. Und: Was für ein glücklicher Mensch ich war, so ein Phänomen sehen zu dürfen.

Je dunkler es um uns herum wurde, desto schöner wurden die Ausbrüche im Zehn-Minuten-Takt. Immer mehr konnten wir die Lava sehen, wie sie einen feuerroten Kontrast zu dem dunkler werdenden Himmel bot. Immer wieder sah ich auch Blitze im Himmel, das Gewitter kam langsam auf uns zu. Ich wollte immer näher an den Krater des Vulkans laufen, wurde wie magisch angezogen, bis meine Mitwanderer und die Tourguides mich zurückriefen und mich um Vorsicht baten. Manchmal breche der Vulkan so stark aus, dass Wanderer Lavabrocken abbekommen könnten.

Der Rückweg: Eine körperliche und psychische Tortur

Nach knapp einer Stunde machten wir uns auf den Rückweg, da der deutsche Mitwanderer von uns immer blasser wurde, hustete und immer stärkere Kopfschmerzen bekam. Leidend hatte er den Anblick des Vulkans kaum genießen können, beim Hinschauen nur mit den Schultern gezuckt und gefragt, wann wir endlich gehen könnten. Einerseits tat es mir leid, dass es ihm so schlecht ging. Andererseits fragte ich mich, wie jemand diesen Anblick nicht mal für eine Sekunde genießen konnte – kurz vorm Sterben war er ja eigentlich nicht. Noch nicht zumindest. Der Rückweg sollte nämlich nicht nur eine körperliche Tortur für uns alle werden, sondern auch eine psychische.

Der Rückweg war noch anstrengender als der Hinweg, da es stockdunkel war und die Kopflampen teilweise nicht genug Licht boten, um den Weg gut genug auszuleuchten. Immer wieder stolperte ich, fiel auf Knie, Hände und Hintern und war körperlich sehr angeschlagen. Ich war wieder die letzte der Gruppe, mit meinem Lieblingstourguide. Nach wenigen Minuten holten wir allerdings das deutsche Pärchen ein. Der deutsche Wanderer wurde immer blasser, musste sich alle zwei Meter hinsetzen, hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. Er sprach kein Spanisch, weshalb ich immer wieder zwischen ihm, seiner ebenfalls deutschen und kein Spanisch sprechenden Freundin und dem Tourguide übersetzen musste. Der Wanderer wollte nicht mehr weiter, wollte im Wald zurückgelassen werden.

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„Ich habe keine Kraft mehr. Ich kann nicht mehr“, sagte er mit schwächelnder Stimme. Bei Minusgraden ohne Schlafsack oder Decke mitten im Wald zu schlafen, wäre sehr gefährlich. Er hatte auch kein Wasser mehr zu trinken und ich reichte ihm meine letzten Milliliter, auch wenn ich selbst kurz vorm Verdursten war. Ich wollte ihm helfen. Er sah aus, als würde er gleich ohnmächtig werden, zitterte und war leichenblass. In einem Zug trank er unser aller letztes Wasser aus, besser schien es ihm damit aber nicht zu gehen. Er setzte sich auf den Boden und wollte sich nicht mehr von der Stelle rühren. „Ich bleibe hier“, sagte er leidend und trotzig zu gleich.

Der eine wird gerettet, die anderen verlaufen sich

Nach einer halben Ewigkeit konnten wir ihn davon überzeugen, mit uns zurückzulaufen, da er allein selbst am helllichten Tag niemals ins Camp zurückgefunden hätte – falls er überhaupt überlebt hätte in seinem Zustand und in der Kälte. Ich versuchte ihn immer wieder mit Worten zu motivieren, ihm deutlich zu machen, dass er den anstrengenden Rückweg nur mit Willensstärke überstehen würde. Teilweise stützten wir ihn, gingen unglaublich langsam und mit Pausen, die wir alle fünf Minuten zurücklegten, Richtung Camp. Den anderen Teil der Gruppe hatten wir längst verloren, sie waren schon weit vor uns und sicherlich schon seit Stunden im Camp. Als wir völlig erschöpft, sowohl körperlich als auch psychisch, ins Camp zurückkamen, erlitten wir einen weiteren Schrecken: Der andere Teil der Gruppe hatte sich wohl verlaufen, die Wanderer waren immer noch nicht zurück. Dabei waren sie ja viel schneller als wir gewesen und hätten längst da sein müssen.

Die Tourguides gingen nochmal  los, suchten die anderen und fanden sie zum Glück nach einer Weile. Mein Herzklopfen wurde endlich wieder langsamer, meine Sorge löste sich auf. Sie hatten sich zwar immer wieder über mich aufgeregt, über meine Langsamkeit, aber ich war doch froh, dass wir am Ende alle gemeinsam am Lagerfeuer sitzen konnten, aus dem Camp in der Ferne den Blick auf den ausbrechenden Vulkan genießen konnten und sagen konnten: Wir haben es geschafft. Heil, munter und glücklich.

 

 

 

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