Wie es sich anfühlt, bei einer Kartellschießerei dabei zu sein

Der Kellner schreit, plötzlich springen alle Restaurantgäste von ihren Stühlen auf, rennen hinter die Bartheke. Etwa sechs, sieben Touristen knien sich hinter die Theke, machen sich so klein wie möglich und halten ihre Hände über den Köpfen. Für den Rest ist kein Platz. Wir anderen, etwa zehn Leute, kauern uns so dicht wie möglich an die Wand, schauen zwischen unsere Beine.

Mein Herz klopft immer schneller. Was ist hier los, frage ich mich? Ist das ein verrücktes Spiel hier in Mexiko, denke ich erst. Im Restaurant läuft mexikanische Salsamusik, draußen hat es gerade aufgehört zu regnen. Plötzlich ertönt ein Schuss.

Dass einer von den Dealern gleich getötet werden wird, ahnen wir nicht.

Ein halbes Jahr werde ich in Mexiko, Monterrey studieren. Erst mache ich aber Urlaub in Cancún. Mein Kumpel Alex und ich verbringen den ersten Tag auf der Isla Mujeres, einer Insel in der Nähe der Touristenhochburg. Traumhafte weiße Sandstrände, kristallklares aquamarinfarbenes Karibikmeer. Im Stadtzentrum bieten uns Dealer ab und zu Drogen an, Gras und Kokain zum Beispiel. Dass einer von ihnen gleich getötet werden wird, ahnen wir nicht.

In einem typisch mexikanischen Restaurant bestellen wir uns mit Bekannten aus unserem Hostel Cocktails und Bier. An den Wänden hängen Sombreros, an die Wand ist ein Porträt der Künstlerin Frida Kahlo gemalt. Ich plaudere und lache mit meinen Freunden, als der Kellner plötzlich schreit.

Niemand weiß, was los ist

Als ich zusammengekauert an der Wand lehne, höre ich nur zwei Laute: Das Pochen meines Herzens und das Schluchzen eines Kindes. Denken tue ich nur an eins: Meine Eltern. Wie werden sie sich fühlen, wenn mir etwas passiert? Wenn ich gleich gar erschossen werde? Ich möchte es mir gar nicht genau ausmalen.

Was geht hier vor sich, frage ich mich. Kommt gleich jemand herein, bedroht uns mit einer Waffe und möchte uns ausrauben? Ist da ein wildgewordener Amokläufer auf der Straße, der Touristen umbringt? Bitte, lieber Gott, pass auf mich auf, denke ich.

Einige Sekunden verharren wir in unserer zusammengekauerten Position, ich schaue vor und zurück zu den anderen. Mache Handzeichen zu meinem Kumpel Alex, ob alles in Ordnung mit ihm ist. Er nickt. Sein Gesicht ist ausdruckslos.

„Sowas passiert hier sonst nie“

Draußen vor dem Restaurant sehen wir blau-rot-blinkende Lichter, eine Sirene ertönt. Die Polizei klärt scheinbar die Situation. Der Kellner bedeutet uns, aus der Deckung zu gehen.

„Alles okay“, sagt er. Langsam stehen wir alle auf, die Gesichter aller sind blass, ausdruckslos. „Was ist gerade passiert?“, fragen einige den Kellner. Er versucht die Leute zu beruhigen. Sowas passiere hier sonst nie, sagt er. Alles sei gut. Andere rennen auf die Straße, um sich selbst ein Bild zu machen.

Fast 3000 Militärs, um die Touristenhochburg zu schützen

Zahlen über die Kriminalität auf der Isla Mujeres gibt es kaum, laut New York Times wurden aber in den ersten acht Monaten in 2018 342 Menschen in der Touristenhochburg Cancún ermordet – mehr als doppelt so viele wie in dem gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor.

Der ehemalige Präsident Mexikos Enrique Peña Nieto setzte im vergangenen Oktober 2850 Militärs im Norden Cancúns ein, um die Touristenhochburg zu schützen. Bei den Gewalttaten sind meist nur Drogenbanden involviert, dennoch können sich Touristen zur falschen Zeit am falschen Ort befinden.

Dutzende verschreckter Touristen, ein toter Drogendealer

So wie die Touristen auf der Isla Mujeres. Die Straße, die vor einigen Minuten noch reich besucht war, ist wie leer gefegt. Nur einige Polizeistreifen fahren mit ihren Motorrädern herum. Einige mexikanische Ladenbesitzer lugen aus ihren Geschäften auf die Straße, andere haben ihre Läden direkt geschlossen. Nur einige dutzend Meter neben unserem Restaurant ist der Eingang eines Touristenshops mit gelbem Band abgesperrt.

An diesem Tag wurde ein Drogendealer in einem Souvenirshop auf der der Isla Mujeres erschossen. Es gehe um die Rivalität zweier Banden, heißt es in den mexikanischen Medien. Was ich damit zu tun habe? Nichts. Ich war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.